Volles Haus für die alte Kanonenbahn

Mehr als 50 Gäste lauschen den Erinnerungen und Geschichten von Herrn Schade


Schinenbus Schienenbus in Oberbeisheim

Züge fahren dort schon lange nicht mehr – doch vergessen ist die Kanonenbahn noch lange nicht. Das zeigte sich am Montagabend, 5. Oktober, eindrucksvoll im Gasthaus "Zur Krone" in Wabern. Mehr als 50 Zuhörerinnen und Zuhörer waren der Einladung des Geschichts- und Kulturkreises Wabern gefolgt, um mit Herrn Joachim Schade, Landschaftsarchitekt aus Oberbeisheim, auf eine Reise in die Vergangenheit zu gehen. Und die hatte es in sich. Denn Schade kennt die Kanonenbahn nicht nur aus alten Akten, Plänen und Fotografien. Für ihn ist sie ein Stück Kindheit und Jugend. In Sichtweite der Bahnstrecke aufgewachsen, wurde am Bahndamm gespielt und später auch schon mal mit dem Hund dort entlanggelaufen. Auch als Verkehrsmittel gehörte die Bahn fest zu seinem Alltag: Jahrelang fuhr er von Oberbeisheim nach Homberg zur Schule.

Auditorium (Foto: Schippany)

So waren es gerade die persönlichen Erinnerungen zwischen historischen Daten und Fakten, die den Abend besonders lebendig machten. Zahlreiche alte Aufnahmen zeigten Bahnhöfe, Stellwerke und Gleisanlagen, aber auch die technisch beeindruckenden Brücken und Viadukte der Strecke. Andere Bilder dokumentierten dagegen eindrücklich den späteren Verfall und Abbau der Bahnanlagen.

Auch ein dramatisches Kapitel der Streckengeschichte kam zur Sprache. Am 24. März 1945 lösten sich mehrere beladene Güterwagen von einem Zug und rasten auf der Gefällestrecke in Richtung Malsfeld. An der Fuldabrücke entgleiste ein mit Langholz beladener Wagen; nachfolgende Waggons richteten schwere Schäden an der Brücke an. Erst 1948 konnte die Strecke wieder durchgehend befahren werden.

Das endgültige Ende des regulären Bahnverkehrs kam Jahrzehnte später: Auf dem Abschnitt Treysa–Malsfeld wurde der Personenverkehr am 30. Mai 1981 eingestellt. Der noch verbliebene Güterverkehr zwischen Malsfeld und Oberbeisheim endete am 31. Dezember 1988. Was blieb, sind Bahndämme, Brücken, Tunnel und viele Erinnerungen.

Ganz ausgedient hat die alte Trasse allerdings nicht. An anderen Abschnitten der einstigen Kanonenbahn sind Teile inzwischen zu Radwegen geworden. Auch im Schwalm-Eder-Kreis gibt es seit Jahren Überlegungen, Teile der stillgelegten Trasse für Radwege zu nutzen.

Doch vielleicht rollen eines Tages sogar wieder Züge auf einem Stück der alten Kanonenbahn. Die Bürgerinitiative „Rettet die Kanonenbahn in Nordhessen e. V.“ setzt sich seit 2020 für eine Reaktivierung des rund 21 Kilometer langen Abschnitts zwischen Homberg und Treysa über Frielendorf ein. Die Idee hat inzwischen die Ebene bloßer Eisenbahnnostalgie verlassen: Eine Untersuchung des Nordhessischen Verkehrsverbundes kam zu dem Ergebnis, dass eine reaktivierte Strecke bis zu 670 zusätzliche Fahrgäste pro Tag gewinnen könnte. Der NVV empfahl deshalb eine weitergehende Prüfung der Kosten. Ob aus der alten Kanonenbahn eines Tages eine neue Nahverkehrsverbindung wird, ist allerdings weiterhin offen.

Schade Joachim Schade und Roland Schippany (Foto: Vonhold)

Wie sehr die Strecke auch heute noch die Fantasie anregt, zeigte sich sogar unter den Gästen des Abends. Mit Leslie Kuhnt saß eine Krimiautorin im Publikum, die die Kanonenbahn kurzerhand zum Tatort gemacht hat. In ihrem Regionalkrimi „Stillgelegt – Ein Fall für Neuberg und Jahnke“ wird im alten Eisenbahntunnel von Oberbeisheim eine Leiche gefunden. Mehr Lokalkolorit für einen Kanonenbahn-Abend geht wohl kaum.

Roland Schippany vom Geschichts- und Kulturkreis Wabern hatte die Gäste zu Beginn willkommen geheißen. Nach dem ebenso informativen wie kurzweiligen Vortrag bedankte er sich bei Herrn Schade – ganz bodenständig und nordhessisch – mit Ahler Wurscht und einer Flasche Wein. Ein rundum gelungener Abend, der bewies: Auf der Kanonenbahn fahren zwar keine Züge mehr – Geschichten sind dort aber noch jede Menge unterwegs. Und wer weiß: Vielleicht fährt eines Tages sogar wieder ein Zug.


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