Kalenderblatt August 2008

August 2008

Landgräfliche Reiherbeize in Wabern

Wer den Reihersaal im Schloss Fasanerie in Eichenzell bei Fulda betritt, dessen Blick wird sofort auf den großformatigen, sechsteiligen Bilderzyklus von Heinrich Tischbein d.Ä. über die Reiherbeize bei Wabern gelenkt. Tischbein malte dieses Werk um 1764 für den hessischen Landgraf Friedrich II. für dessen Jagdschloss in Wabern. Erst später gelangten diese Bilder nach Eichenzell.

Da Wabern aufgrund seiner Lage in einer feuchten Niederung eine große Reiherkolonie im damals bis zur Schwalm reichenden Reiherwald beherbergte, war er wohl schon lange in der Vergangenheit das Ziel von Jagdausflügen der Kassler Regenten. Diese Tatsache bewog dann Landgraf Karl (1654-1730) in den Jahren 1701-1712 zum Bau des Waberner Schlosses. Die Glanzzeit des Schlosses begann aber mit dem Regierungsantritt des prunkliebenden Landgrafen Friedrich II. im Jahr 1760.

In den sechs Bildern sind Szenen aus einer Reiherbeize anlässlich des Friedensfestes vom 25.5.1764 wiedergegeben, das Landgraf Friedrich II. für den österreichischen Feldmarschall Karl August Friedrich Fürst von Waldeck nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-63) veranstaltete. In den Darstellungen lassen sich Einzelheiten dieser Art der unblutigen Jagd sehr gut erkennen. Die für die Jagd ausgebildeten Falken lieferten sich mit dem Reiher einen spannenden Luftkampf. Von oben auf seine Beute herabstoßend, zwingt er ihn schlussendlich zu Boden. Von Jagdhelfern aufgegriffen, wurden dem Reiher als Zeichen des Jagderfolges lediglich einige feine Halsfedern ausgezupft und dem anwesenden Jagdherrn oder den Damen übergeben. Anschließend wurde er beringt und wieder freigelassen. Es soll dabei vorgekommen sein, dass einige Reiher mit bis zu fünf Ringen angetroffen wurden. Für den Falken war diese Art der Jagd nicht ungefährlich, denn in einem Treppenaufgang des Schlosses Fasanerie befindet sich neben anderen Falkenportraits ein Gemälde zu Ehren des als unvergleichlich gerühmten Islandfalken "Landgraf", der von einem alten Reiher tödlich verletzt wurde.

Welche Bedeutung aber mag die Reiherbeize für die Bevölkerung gehabt haben? Sicherlich waren die Waberner damals zwiespältigen Gefühlen ausgesetzt. Zum einen war es bestimmt ein großes Ereignis, wenn der Kasseler Hof und andere bedeutende Persönlichkeiten dieser Zeit im Schloss zu Gast waren oder sich der Landgraf während des sonntäglichen Gottesdienstes in der Kirche aufhielt. Neben der Reiherbeize fanden dabei weitere höfische Lustbarkeiten wie militärische Manöver, Paraden, Schauspiele und Konzerte statt, die der Bevölkerung nicht verborgen blieben. Andererseits bedeuteten solche Besuche auch Einquartierungen von Hofpersonal bei den Einwohnern mit allen damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Auch ist davon auszugehen, dass während einer Jagd keine besondere Rücksicht auf Feld und Flur genommen wurde und mancher Flurschaden entstand.

Mit der Französischen Revolution endete die Zeit der fürstlichen Reiherbeize in Hessen und die heutzutage eigentlich nur an der Eder anzutreffenden Waberner Reiher können ihre Zeit unbehelligt verleben.

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